Leseprobe
Waiting for the Lady
von Christopher G. Moore
1. Kapitel
Ich rief Hart an und sagte ihm, er solle die Koffer packen, es ginge nach Rangun. Im Hintergrund hörte ich das Klacken von Billardkugeln, unter das sich Gelächter der Huren mischte, Singen und Schwatzen; spielerisch in jener atemlos ernsthaften Art, die um einen Pooltisch entsteht, wo nichts Wesentliches geschieht, aber mit jedem Stoß alles auf dem Spiel steht. Ich sagte: "He, Alter, hast du gehört? Wir fahren nach Rangun." Hart sagte immer noch nichts. Ich wusste, dass er am Apparat war, denn ich hörte ihn atmen, während er auf den nächsten Stoß wartete, seinen Gegner einschätzte und die Chancen berechnete. Rangun schien ihm ziemlich egal zu sein. Er nahm das Leben Stoß für Stoß. Bestimmt hatte eines der Barmädchen den Arm um seine Hüfte gelegt. Woher ich das wusste? Hart trug sie wie Accessoires: Gürtel, Ringe – oder, wenn man es recht bedachte, eher wie Amulette oder Goldketten.
"Hier spricht Sloan. Sloan Walcott. Ich habe zwei Tickets für diesen Freitag gebucht. Das lässt uns genügend Zeit, uns Visas zu besorgen."
Endlich sagte er: "Sloan, hast du getrunken und etwas geraucht?"
In den zehn Jahren, seit ich Hart kannte, schien es mir, dass er jedes Jahr ein wenig mehr den Glauben an sich und das Vertrauen in sich selbst und in die Motive und Wünsche anderer verloren hatte. Man könnte auch sagen, Hart hatte seine Jugend verloren wie einer jener aufgeblähten Riesensterne, deren Kernfusion erlosch, kurz bevor sie in sich zusammenfielen.
"Ich hatte zwei Flaschen Tigerbier zum Frühstück", sagte ich.
Die Mengenangabe beruhigte ihn. Er legte das Telefon hin. Ich hörte eine Kugel in die Tasche fallen mit einem Laut, der so glatt und sauber klang wie das Klicken eines lackierten Fingernagels auf einem verspiegelten Kopfbrett. Dann hörte ich eine andere Kugel mit der Sicherheit eines gleichzeitigen Orgasmus in ihr Ziel einschlagen. Der nächste Stoß ging daneben und Hart kam wieder ans Telefon. "Worum geht's? Lass mich raten. Es ist das Foto von diesem Mädchen. Hab ich Recht?" Engländer haben die ärgerliche Angewohnheit, ein Gespräch mit einer Frage zu beginnen und zu beenden.
"Klar bin ich neugierig", sagte ich und betrachtete das Foto des langbeinigen Mädchens, das nicht älter als zwanzig sein konnte; sie saß auf einem Sofa, trug einen Morgenmantel, der die verführerisch übereinandergeschlagenen Beine enthüllte, leicht zur Seite geneigt, als flüstere sie jemandem außerhalb des Bildrahmens etwas zu. Ihr Gesicht war schräg abgewandt, das lange schwarze Haar über den Wangenknochen drapiert, um der perfekten Linie der Nase einen Hauch von Schönheit zu verleihen. Nur ein Berufsfotograf konnte das sinnliche Versprechen in der Neigung des Kopfes einer Frau so einfangen, in den angewinkelten Beinen, in der genau berechneten Art, wie der Morgenmantel auf Schenkelhöhe zurückgeschlagen war und eine kleine Tätowierung freigab.
"Besessen trifft es eher", meinte Hart.
Ich konnte nicht leugnen, dass mich eine zwanghafte, überwältigende Neugier wegen des Mädchens auf dem Foto plagte. Getrieben von ihrer Schönheit und gequält vom dem Geheimnis, wie sie auf eine Rolle Film gekommen war, die sonst nur Bilder von der Lady enthielt, Auung San Suu Kyi. Es verging kein Tag, ohne dass ich das Foto aus der Schublade nahm, es anstarrte, mit dem Finger über die Tätowierung am Bein strich und eine Fantasiewelt schuf, in der sie meine Geliebte wurde.
Zwei Jahre, bevor er auf die Vierzig einbog, war sich Hart der Sinnlosigkeit der Neugier bewusst, und auch der Gefahr, die es mit sich brachte, jedem Geheimnis nachzuspüren, das einem im Kopf herumspukte. Hart lebte von einem Tag auf den anderen und entging so jener großen Niedergeschlagenheit, die für die meisten, die in der Fremde leben, hinter jeder Ecke lauert und sie reizbar, misstrauisch und gierig macht. Hart liebte sein Leben. Wir beide liebten das Leben aus unterschiedlichen Gründen; aber immerhin war es etwas, das uns verband. Unsere Freundschaft hatte begonnen, als wir gemeinsam Anfang der 1990er an einem Buch über die Chin arbeiteten. Zusammen ein Buch zu schreiben ist eine von positiven und negativen Gefühlen begleitete Tätigkeit, die unsere gegenseitige Toleranz auf die Probe stellte und eine seltsame, verdrehte Intimität schuf, die weit dauerhafter und zerstörerischer war als beiläufiger Sex. Wir verdienten kein Mitgefühl, weder voneinander, noch von den Menschen um uns herum, und wir erwarteten es auch nicht. Unser Leben war maßgeschneidert auf unsere jeweiligen Wünsche und Bedürfnisse, ein Kompass, der uns die Unterscheidung zwischen Traum und Notwendigkeit ermöglichte. Wir waren beide unser eigener Chef (es sei denn, man betrachtete meine Ehefrau als Chefersatz). Keine Terminkalender, keine Anweisungen, keine vorgeschriebenen Quoten, keine Berichte über Verkaufszahlen, keine jährlichen Leistungsbeurteilungen. Wir erfreuten uns, so gesehen, absoluter Freiheit in einer Welt voller Menschen, die in den verschiedensten Stadien der Sklaverei lebten. Wo man auch hinsah, die Welt war voller Männer und Frauen, die unter der Fuchtel irgendeiner Autorität standen, die ihnen sagte tu dies, tu das, geh hierhin, bring das hier dorthin, hol eines davon, sitz gerade, iss deinen Teller leer, denk dies, sag nicht 'Ficken' und wirf keinen Müll auf die Straße. Wir waren dem unerträglichsten Teil der condition humaine entkommen. Eigentlich sollten wir uns nicht nur glücklich schätzen, sondern jeden Tag Freudensprünge vollführen und uns gegenseitig 'alle Fünf' geben wie Footballspieler nach einem Touchdown. Hart war Engländer. Er wusste nicht, was 'gib mir Fünf' bedeutete, und falls doch, wäre er lieber mit dem Gesicht nach unten im Dreck verreckt, als sich mit so einem kindischen Unsinn abzugeben. Wir liebten unser Leben, litten aber gleichzeitig unter dieser angenehmen, gedankenlosen Leichtfertigkeit, die uns immer wieder hin und zurück über die selbe kleine Bucht segeln ließ, ohne dass wir jemals irgendwo hinkamen. Wir hatten einfach keinen Plan. Hart vertrieb sich die Zeit mit Poolbillard in einer Bar an der Sukhumvit Road. In Bangkok gab es hunderte, wenn nicht tausende von Billardbars, unter Dach oder unter freiem Himmel, wo eine Partie Pool 20 Baht kostete. Für ein paar tausend Dollar konnte man sich so lange an den Pooltischen herumtreiben, bis man vor Altersschwäche mit einem Herzschlag vornüberkippte, während die weiße Kugel in eine Seitentasche rollte. Spiel aus, Ende. Hart kannte viele der Billardhallen. Er wusste um die Gefahr, besonders, seit er der Vier vor der Null ins Auge blickte. Er musste sich entscheiden, bevor er völlig ausgebrannt war. Eine Reise nach Rangun würde ihn zumindest von den Billardtischen fernhalten.
"Du ziehst gerade einem Touristen das Geld aus der Tasche", warf ich ihm vor.
"Das ist keine nette Art, von meiner Arbeit zu sprechen."
Hart nahm Touristen für ein Taschengeld aus – und mehr hatte er auch nie in der Tasche. Er war Schriftsteller. Unbeachtet, ungelesen, arm, seine Karriere verunstaltet von den Pockennarben der Fehlschläge – um es anders auszudrücken: Seine schriftstellerische Laufbahn ähnelte der Topografie der 'Ebene der Tonkrüge' in Laos, von absolut trostloser, kraterbedeckter Schönheit. Dabei verfügte Hart über Talent und Visionen, die Vorbedingungen für einen großen Autor. Aber statt zu schreiben, nahm er Auftragsarbeiten an. Lektorieren und Korrekturlesen von Broschüren, Pamphleten, Bedienungsanweisungen, Reden, Büchern, Kurzgeschichten. Dann schickte ich ihm einmal eine zwanzigseitige Speisekarte zum Korrigieren. Der japanische Restaurantbesitzer – ein Freund meiner Frau – zahlte Spitzenhonorare. Hart lehnte ab. Er entschied sich fürs Billardspielen.
Ich fragte ihn, warum er die Arbeit zurückgewiesen hätte, und er meinte: "Ich warte auf den richtigen Auftrag."
"Und was ist der richtige Auftrag?"
"Einer, der mich inspiriert. Keine Speisekarten mehr. Keine Broschüren über Feriendörfer in Krabi."
"Wenn die Bezahlung stimmt, ist das Inspiration genug."
"Ich komme auch so zurecht", sagte er.
Aber klar doch.
Einmal zählte ich seine Klamotten. Er besaß drei Hemden, drei Hosen und zwei Paar Schuhe. Socken und Unterwäsche rechnete ich nicht. Außer einem Paar Schuhe, das ihm eine Freundin geschenkt hatte, war alles, was er trug, aus zweiter Hand. Etliche Pensionen in der Umgebung des Malaysia Hotels, wo Hart sich mit dem Personal angefreundet hatte, verkauften ihm Kleidung. Es war schon seltsam, wie viele Touristen bei der Abreise Kleidungsstücke, Unterwäsche, Kameras, Füller, Vibratoren und Gummipuppen in ihren Zimmern vergaßen. Harts ganzer weltlicher Besitz war ein Produkt von Nachlässigkeit, Vergesslichkeit, Drogenproblemen und Hurerei. Ich bewunderte die Art, wie er einen Weg gefunden hatte, diese Objekte menschlicher Schwäche und Unfähigkeit zu recyclen und ihnen ein neues, besseres Leben zu geben.
Eine alte Frau aus Isan mit drahtigen, ergrauenden Haaren und großen Augen, die so aussahen, als hätten sie beim Umherrollen in ihren tiefen schwarzen Höhlen einen Kurzschluss verursacht, arbeitete mit ihrer Nähmaschine auf der Straße neben einem Stundenhotel. An ihrer Seite verkaufte eine zahnlückige Obsthändlerin, den Haarschopf von einer blauen Spange zurückgehalten, Orangen und Durian. Direkt hinter den beiden lag eine Tierklinik, vor der wohlbetuchte Frauen mit besorgten Gesichtern, ihre Pudel an sich drückend, aus ihren BMWs kletterten. Die Frau an der Nähmaschine besserte Harts gebraucht gekaufte Kleider aus, nähte Flicken auf oder Knöpfe an. Sie verlangte nie viel dafür. Er war noch jung und gut aussehend, sprach fließend Thai und wirkte auch so arm wie die Thais, sodass sie ihm Preisnachlass gewährte. Einmal nähte sie ihm einen Engel über ein Kugelloch. Mit Flügeln und einem Heiligenschein. Sie weigerte sich, Geld dafür anzunehmen. Hart kaufte ihr eine Tüte Orangen von der Obsthändlerin nebenan. Da kam eine Frau mit einem Bernhardiner an der Leine aus der Tierklinik (gleich neben der Klinik für Geschlechtskrankheiten; es ging das Gerücht, dass der Arzt zwischen beiden hin und her pendelte). Die Frau hielt Hart für einen Bettler und gab ihm zwanzig Baht. So kam er auch noch umsonst zu den Orangen der Obsthändlerin. Hart war diese Art von Glückspilz, immer zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Das war einer der Gründe, warum ich ihn auf der Reise nach Rangun dabeihaben wollte.
* * *
"Der Junge sagt, dass er dich aus einem Film kennt", sagte Aye Thit.
Ich hatte nur in einem Film mitgespielt. Vor ein paar Jahren, als ich in Rangun war und eine örtliche Produktionsfirma einen Thriller drehte. Sie brauchten einen Farang, der die Rolle des ausländischen Juwelendiebs spielte. Irgendjemand – genauer gesagt Aye Thit – empfahl mich dem Regisseur für diese Rolle. Ich hielt das für ziemlichen Blödsinn. Oder haben Sie schon mal davon gehört, dass jemand in einem burmesischen Film mitgespielt hat? Ich kann mir nicht vorstellen, dass außer ein paar Burmesen sich je einer einen burmesischen Film ansehen würde. Aber ich erschien am Set und dachte, sie würden mich etwas vorlesen lassen oder Probeaufnahmen machen oder was. Aber Vorlesen war nicht nötig. Meine Rolle erforderte keinen Dialog. Schließlich sprach ich kein Burmesisch, und anscheinend war es dem Regisseur egal, was der Ausländer sagte. "Probeaufnahmen?" Die dachten, ich mache Witze. Sie wollten sofort drehen. Ich wurde vom Fleck weg engagiert.
Aus dem Nichts war ich plötzlich Darsteller des Juwelendiebs und saß einer von Burmas führenden Schauspielerinnen gegenüber. Sie sprach kein verdammtes Wort Englisch. Wir hockten an einem Tisch in einer Seitenstraße von Rangun und der Regisseur verlangte, ich solle mit dem Filmstar reden, als wäre sie eine Klientin, der ich ihr ein paar heiße Edelsteine verhökern wollte. Ich legte los, aber sie begriff natürlich nicht das Geringste von dem, was ich sagte.
"He, lass uns doch zu mir gehen, dann darfst du auf die Knie gehen und Meister Pillermann inspizieren, wirst schon sehen, wie er salutiert", sagte ich.
Sie lächelte und nickte. Das machte irgendwie Spaß. Ich konnte auf Film dreckige Sprüche absondern und niemand schien es zu kümmern. Ich trank aus einer Flasche Bier und lehnte mich über den Tisch. "He, Süße, hat dir schon mal jemand gesagt, dass du fantastische Titten hast?"
Sie runzelte die Stirn und ich fragte mich: Was, wenn sie doch versteht, was ich sage, und ihren Mangel an Englischkenntnissen nur aus irgendwelchen nationalistischen Gründen vortäuscht?
"Wie wär's, wenn wir uns nackt ausziehen? Nur du und ich, Baby. Und ich bringe einen großen schwarzen Dildo mit und dann gehen wir beide auf alle Viere runter, schmieren uns gegenseitig mit Honig ein und bellen wie die Hunde. Stehst du auf so Sachen?" Aber diesmal wurde mir ein breites, sehr weißes Lächeln zuteil. Der Regisseur sagte etwas auf Burmesisch und das Lächelns des Stars erlosch. Sie stand vom Tisch auf und reichte mir die Hand. Ich schüttelte sie, sie hatte einen labbrigen Händedruck. Dann entzog sie mir die Hand und verschwand. Ich hörte sie nie ein einziges Wort sprechen. Vielleicht war es ein Stummfilm, um am Ton zu sparen.
Ich wandte mich um und fragte Aye Thit: "Bin ich jetzt gefeuert?"
"Nein, die Szene ist abgedreht. Sie sind fertig. Wir können gehen."
"Unmöglich", sagte ich. "Er hat nur einen einzigen Take gefilmt."
"Sie haben nicht das Geld, um eine Einstellung mehr als einmal zu drehen."
"Und wenn es ganz schrecklich war?"
"Das merkt doch keiner."